Internationalen Richtlinien für die barrierefreie Gestaltung von Webseiten

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Die „Web Content Accessibility Guidelines“ (kurz WCAG) sind ein internationaler Standard zur barrierefreien Gestaltung von Webseiten.

Du hast diesen Begriff bestimmt schon mal irgendwo gehört, trotzdem wissen viele Unternehmer nicht, was es bedeutet und wie es sich auf ihr Unternehmen auswirken kann.

Ich werde das Konzept jetzt kurz erklären und Dir dann zeigen, wie die barrierefreie Gestaltung Deiner Webseite aussieht und warum es wichtig ist.

Was ist eine barrierefreie Webseite?

Der internationale Standard zur barrierefreien Gestaltung von Internetangeboten ist in der Europäischen Union ab dem 23. Juni 2021 für alle Webseiten und mobile Anwendungen verbindlich.

Die Web Accessibility Initiative (WAI) hat die WCAG ausgearbeitet und die Internationale Organisation für Normung (ISO) hat sie dann zum Standard erklärt.

In Deutschland steckt die praktische Umsetzung dieser Richtlinien noch im Anfangsstadium und wird seit 2002 durch die gesetzliche Verankerung in der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) gefördert.

Was bedeutet Barrierefreiheit?

Webseiten, die diesen Richtlinien entsprechen, sind auch für Menschen mit sensorischen und motorischen Einschränkungen zugänglich. Sie können die angebotenen Informationen erfassen und notwendige Eingaben tätigen. 

In der Praxis heißt das, dass Menschen mit körperlichen (und in gewissem Rahmen mentalen) Einschränkungen mithilfe von erweiternden Technologien wie Textalternativen oder speziellen Tastaturen Zugriff auf Onlineinhalte wie Blogbeiträge, Videos und andere Onlineangebote erhalten. Später mehr dazu.

Wer ist den Konformitätsbedingungen für Webseiten verpflichtet?

Die WCAG sind der weltweit gültige Standard für barrierefreies Webdesign, es handelt ich hierbei jedoch größtenteils um Empfehlungen. In der deutschen Gesetzgebung werden nur gewisse Stellen zur Gleichstellung behinderter Menschen und Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung verpflichtet.

Behörden der Bundesverwaltung werden durch das Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (BGG) verpflichtet, ihre Internetauftritte barrierefrei zu gestalten. Für öffentliche Stellen von Bundesländern und Kommunen wird Barrierefreiheit im Netz über Landesgesetze geregelt.

Doch obwohl Dein Unternehmen nicht gesetzlich zur Einhaltung der Barrierefreiheit verpflichtet ist, solltest Du diese Regelung nicht ignorieren, denn Du solltest immer dafür sorgen, dass jeder uneingeschränkt auf Dein Internetangebot zugreifen kann.

Dies verschafft Dir nicht nur Zugang zu neuen potenziellen Kunden, sondern bringt Dir eventuell auch ein paar Bonuspunkte ein!

Richtlinien für die Barrierefreiheit von Webinhalten

Barrierefreiheit ist ein kompliziertes Thema und weil es nicht verpflichtend ist, setzt es eh niemand um, warum sollte man sich also die Mühe machen?

Leider gibt es noch kein Programm, das Deine Webseite automatisch barrierefrei macht. Wenn es doch nur so einfach wäre!

Vergiss nicht, dass die Umstellung auf Barrierefreiheit ein Prozess ist, aber nicht unmöglich ist, darum sind hier sind die wichtigsten Dinge, die beachtet werden sollten.

Das World Wide Web Consortium (W3C) hat die WCAG ausgearbeitet. Die Web Content Accessibility Guidelines sind auf vier Hauptprinzipien aufgebaut, barrierefreie Webseiten müssen demnach wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sein.

Aber wie sieht das in der Praxis aus?

Prinzip 1: Wahrnehmbar

Informationen und Bestandteile der Webseite müssen den Nutzern so präsentiert werden, dass diese sie wahrnehmen können.

Du musst dem Nutzer Textalternativen, z. B. Alt-Text für Bilder zur Verfügung stellen, damit er den Inhalt entsprechend verstehen und interpretieren kann.

Zudem solltest Du den Nutzern Alternativen für zeitbasierte Medien zur Verfügung stellen, z. B. Transkripte für Podcasts und andere Audioformate, Videos und Webinare.

Videos sollten Untertitel haben, diese müssen jedoch aufgezeichnet und synchronisiert werden, da automatisch erstellte Untertitel zu ungenau sind.

Du könntest auch Audiodeskription anbieten. Audiodeskription ist akustische Bildbeschreibung, die blinden und sehbehinderten Menschen ermöglicht, visuelle Vorgänge besser wahrzunehmen. Dieser Vorgang ist jedoch sehr zeitaufwendig und oft kostenintensiv.

Prinzip 2: Bedienbar

Du musst Deinen Nutzern ermöglichen, auf alle Bestandteile Deiner Webseite und Navigation zuzugreifen.

Die Webseite sollte über eine Tastatur oder Maus bedient werden können, keine scrollende oder sich automatisch aktualisierende Informationen enthalten, nicht zeitlich begrenzt sein und außerdem sollte jede Seiten über einen klaren und eindeutigen Seitentitel verfügen. Deine Seite muss zudem von adaptiven Technologien wie Touchscreens oder Bildschirmlesern verwendet werden können.

Zudem musst Du sicherstellen, dass Deine Webseite nicht zu physischen Anfälle führt (dreimaliges Blitzen kann zum Beispiel Migräne- oder epileptische Anfälle verursachen).

Prinzip 3: Verständlich

Alle Informationen und die Bedienung der Webseite müssen lesbar und verständlich sein.

Die Webseite muss vorhersehbar und einfach zu bedienen sein, die Suchleiste sollte zum Beispiel immer an derselben Stelle zu finden sein.

Biete Deinen Nutzern Hilfe bei der Eingabe, um Fehler zu vermeiden und zu korrigieren.

Prinzip 4: Robust

Deine Inhalte müssen robust genug sein, damit sie zuverlässig von einer großen Auswahl an Nutzern einschließlich assistierender Techniken interpretiert werden können. Im Laufe der Zeit kann es durchaus vorkommen, dass Deine Webseite erneut angepasst werden muss, falls neue Technologien aufkommen.

Eine Webseite, die im Internet Explorer aber nicht auf einem Bildschirmleser dargestellt werden kann, ist nicht robust.

Webseiten, die die oben genannten Richtlinien erfüllen, sind barrierefrei.

Warum Du eine barrierefreie Webseite haben solltest

Die Gestaltung einer barrierefreien Webseite ist eine Herausforderung, die viele Ressourcen und natürlich Vorbereitung erfordert, vor allem dann, wenn Du gesetzlich dazu verpflichtet bist.

Die Überarbeitung nimmt Zeit in Anspruch und kann sehr teuer werden.

Bringt es denn auch Vorteile mit sich? Auf jeden Fall, und zwar ne Menge.

Gesetzliche Verpflichtungen

In Deutschland gibt es zwar noch keine gesetzliche Verpflichtung für Unternehmen wie in Amerika, das ist aber vielleicht nur eine Frage der Zeit.

Eine barrierefreie Webseite ist nicht nur gut für die Besucherzahlen, da Du sonst fast 19 % der Bevölkerung außen vor lässt, im Falle einer gesetzlichen Verpflichtung könnte eine Missachtung sogar schwere Folgen haben.

Du könntest zum Beispiel verklagt werden.

Beyonce, Winn Dixie und zahlreiche andere Marken mussten nach einer Klage nicht nur extrem hohe Abfindungen zahlen, sondern auch viel Geld investieren, um ihre Webseiten zu überarbeiten. Mal ganz abgesehen von den verlorenen Fans und den hohen Anwaltskosten.

Die hohen Strafen und schlechte Presse sind das Risiko einfach nicht wert!

Neue Besucher und Kunden

Hier möchte ich Dir ein Beispiel aus Amerika geben. In den USA leben fast 50 Millionen Menschen mit einer Behinderung und viele von ihnen nutzen erweiterte Technologien, um auf Onlineinhalte zuzugreifen.

Eine barrierefreie Webseite ermöglicht noch mehr potenziellen Kunden den Zugang zu Deinem Onlineangebot, da Deine Inhalte mithilfe von Alt-Texten, Untertiteln, Sprachbefehlen oder anderen Alternativen allen Nutzern zugänglich gemacht werden.

Würde ein Besucher, der nicht auf Deine Inhalte zugreifen kann, Dein Produkt kaufen? Nein, weil er es nicht kaufen kann.

Aus unternehmerischer Sicht macht es also durchaus Sinn, Deine Webseite barrierefrei zu machen.

Gut für die Markenbildung

Branding ist wichtig für den Unternehmenserfolg. Das weiß jeder.

Warum? Weil Kunden sich fast immer zuerst in Deine Marke verlieben, nicht in Dein Produkt.

Für ein Markenprodukt zahlen wir gerne etwas mehr, auch wenn es zahlreiche günstigere Optionen gibt.

Marken, die eine barrierefreie Webseite haben, obwohl sie nicht gesetzlich dazu verpflichtet sind, zeigen ihren Kunden, dass es ihnen um den Menschen und nicht um Profite geht.

Der Schritt zur barrierefreien Webseite verrät potenziellen Kunden so einiges über Dein Unternehmen und Deine Werte, was dann wiederum zu einer stärkeren Kundenbeziehung führen kann.

Suchmaschinenoptimierung

Eine suchmaschinenoptimierte Webseite generiert mehr Traffic und eine barrierefreie Webseite ist gut für die SEO.

Super!

Es liegt wahrscheinlich daran, dass viele Elemente des barrierefreien Designs wie Alt-Texte, Transkripte, optimierte Header-Tag und eine gut durchdachte Struktur auch gute SEO-Praktiken sind.

Je genauer und beschreibender der Alt-Text ist, desto besser kann er vom Besucher und der Suchmaschine interpretiert werden.

Video- und Audio-Transkripte können gecrawlt werden, wodurch die Suchmaschine letztendlich mehr Inhalte erfassen kann.

Überschriften und H-Tags helfen dem Besucher und der Suchmaschine bei der Orientierung und das ist nicht nur gut für Dein Endergebnis, sondern trägt auch zur Steigerung des Traffics bei.

Die eigentliche Frage lautet also: „Warum sollte man sich nicht die Mühe machen?“

Wie erstellt man eine barrierefreie Webseite

Jetzt habe ich Dich überzeugt, darum können wir uns nun an die Arbeit machen. Doch wo fängt man am besten an?

Die Idee einer barrierefreien Webseite ist zwar relativ simpel, die Umsetzung aber nicht.

Warum ist das Design einer barrierefreien Webseite so kompliziert?

Es liegt zum Großteil daran, dass die meisten Webseitenbetreiber nicht mit dem Konzept vertraut sind und weil Deine Webseite unter Umständen komplett umgestaltet werden muss, falls sie zu komplex und unübersichtlich ist. Außerdem sind einige Regeln ziemlich kompliziert.

Du musst aber nicht gleich verzweifeln, es gibt nämlich auch gute Nachrichten, denn ich werde Dir zeigen, wie Du Deine Webseite Schritt für Schritt barrierefrei machen kannst und wann Du die Unterstützung eines Experten anfordern solltest.

So gehts:

Führe eine Prüfung auf Barrierefreiheit durch

Wenn Du nicht weißt, was kaputt ist, kannst Du es nicht reparieren, darum musst Du zuerst eine komplette Webseitenprüfung durchführen.

Diese Prüfung kann von Dir selbst durchgeführt werden, darum musst Du an dieser Stelle noch kein Geld für einen Experten ausgeben.

Nutze am besten das kostenlose Programm AccessibilityTest.org. Auf der Webseite des Gremiums zur Standardisierung der Techniken im World Wide Web (W3C) findest Du ebenfalls ein Web Accessibility Evaluation Tool.

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Führe zunächst eine Prüfung durch und leg anschließend die nächsten Schritte fest.

Dinge wie Alt-Texte und die Überarbeitung der Navigation kannst Du wahrscheinlich selbst übernehmen, komplizierte Veränderungen sollten jedoch von einem Experten durchgeführt werden, mit den oben genannten Programmen kannst Du Dir aber schon mal einen ersten Überblick verschaffen.

Führe also eine Prüfung durch, um herauszufinden, was getan werden muss, um Deine Webseite barrierefrei zu machen. Diese Programme finden aber nicht alle Probleme, darum sollte im Anschluss auch eine ausführlich manuelle Überprüfung durchgeführt werden.

Behebe die Probleme Deiner Webseite

Einige Dinge erfordern komplizierte Änderungen des Quelltextes, doch einige kleine Anpassungen kannst Du selbst vornehmen. Dazu gehören die folgenden Bereiche:

  • Füge allen Bildern beschreibende Alt-Texte hinzu, damit sie von Nutzern mit Sehschwäche ebenfalls interpretiert und verstanden werden können.
  • Nutze beschreibende Ankertexte, damit der Besucher immer weiß, wo er klicken muss.
  • Verfasse geeignete Über-und Unterüberschriften (H2, H3, usw.), um die Navigation mit Tastatur zu ermöglichen.
  • Füge Hinweise im Quelltext ein, damit Formulare und Formularfelder sofort gefunden werden können.
  • Ermögliche die Tastaturnavigation, indem Du alle <div> und <span> Elemente entfernst, damit der Tab-Taste navigiert werden kann.

Du wirst schnell feststellen, dass sich diese Elemente auch positiv auf Deine SEO auswirken.

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Generische Ankertexte wie „Hier klicken“ und „Klick auf diesen Link“ sind nicht aussagekräftig und darum auch nicht SEO-freundlich, aus diesem Grund solltest Du immer beschreibende Ankertexte verwenden.

Die oben genannten Bereiche sind zwar wichtig für eine barrierefreie Webseite, jedoch nur der erste Schritt. Sobald die Grundlage gelegt ist, musst Du Dich um die komplexeren Aufgaben kümmern.

Die manuelle Prüfung auf Barrierefreiheit

Gewisse Dinge kannst Du selbst optimieren, doch wahrscheinlich nicht alles, darum sollte eine manuelle Prüfung durchgeführt werden. In diesem Fall überprüft ein Experte alle Seiten und erstellt eine Liste der Probleme, die behoben werden müssen.

Du solltest unter Umständen einen Berater einstellen, um nichts zu übersehen und Deine Webseite in allen Aspekten barrierefrei zu machen.

Veränderungen am Quelltext der Webseite

Nach der manuellen Prüfung können komplizierte Probleme in Angriff genommen werden. Falls Du Veränderungen am Quelltext selbst vornehmen kannst, sparst Du viel Geld!

Leute, die sich nicht mit Web-Programmierung auskennen, müssen jedoch eine Agentur oder einen professionellen Entwickler einstellen.

WordPress-Nutzer können eine spezielle barrierefreie WordPress-Vorlage nutzen. Zwar musst Du die Alt-Texte und Ankertexte anschließend auch manuell anpassen, dafür ist die Grundlage Deiner Seite aber schon mal barrierefrei.

Die Zusammenarbeit mit einem Experten für barrierefreie Webseiten würde sich sicherlich anbieten, falls Du Dir diese Investition leisten kannst.

Fazit

Eine barrierefreie Webseite solle auf jeden Fall auf Deiner „To-do-Liste“ stehen.

Selbst wenn Du gesetzlich nicht dazu verpflichtet bist, ist die barrierefreie Webseite mit Sicherheit gut für Dein Unternehmen und falls sich das Gesetz dann irgendwann mal ändert, bist Du schon vorbereitet!

Der barrierefreie Zugriff auf Deine Onlineinhalte ermöglicht Dir gleichzeitig den Zugang zu einer völlig neuen Zielgruppe und obwohl die Überarbeitung Deiner Webseite viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nimmt, lohnt es sich am Ende.

Spielst Du mit dem Gedanken, eine barrierefreie Webseite anzubieten? Was ist Deiner Meinung nach die größte Herausforderung?

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